Was verbraucht mehr Fläche: Schottergärten oder Windräder?!
Eine kleine Fermi-Rechnung über Vorgärten, Windkraft und die Frage, wie wir eigentlich mit Fläche umgehen.
Ich hätte spontan auf Windräder getippt.
Immerhin stehen in Deutschland inzwischen zehntausende davon, und über den Flächenbedarf der Windkraft wird regelmäßig diskutiert.
Dann bin ich über eine viel kleinere Fläche gestolpert: den Vorgarten.
Und plötzlich fand ich die Frage ziemlich spannend.
Wie viel Schotter steckt eigentlich in Deutschland?
Das Problem: Eine offizielle Statistik dazu gibt es nicht.
Es gibt keine deutsche Gesamtzahl für „Quadratmeter Schottergarten“.
Eine repräsentative GfK-Erhebung im Auftrag des Bundesverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau kam 2017 allerdings zu einem interessanten Ergebnis:
Rund 15 % der Vorgärten waren größtenteils versiegelt.
Gemeint waren dabei Vorgärten, die überwiegend gepflastert oder mit Kies bzw. Schotter bedeckt waren. Das ist ausdrücklich nicht dasselbe wie „15 % aller Vorgärten sind klassische Schottergärten“.
Trotzdem kann man damit eine kleine Überschlagsrechnung machen.
Zeit für eine Fermi-Rechnung
Ende 2025 gab es in Deutschland rund 13,5 Millionen Einfamilienhäuser und 2,8 Millionen Zweifamilienhäuser – zusammen also etwa 16,3 Millionen Gebäude dieser beiden Kategorien.
Nehmen wir diese Zahl grob als Größenordnung für Grundstücke mit eigenem Vorgarten.
15 % davon wären:
≈ 2,45 Millionen Vorgärten
Jetzt brauchen wir noch eine Vorgartengröße.
Dafür gibt es keine belastbare deutschlandweite Durchschnittszahl. Also rechne ich einfach drei Szenarien:
| Angenommene Fläche pro Vorgarten | Ergebnis |
|---|---|
| 20 m² | ca. 4.900 ha |
| 30 m² | ca. 7.300 ha |
| 50 m² | ca. 12.200 ha |
Damit landen wir grob bei:
5.000–12.000 Hektar
Wichtig: Das ist keine Statistik. Es ist eine Fermi-Schätzung auf Basis einer älteren Erhebung und mehrerer Annahmen.
Aber als Größenordnung finde ich das erstaunlich.
Und jetzt: Windräder
Ende 2024 waren in Deutschland 28.766 Windenergieanlagen an Land in Betrieb.
Wie viel Fläche sie zusammen beanspruchen, weiß niemand genau: Belastbare Daten dazu liegen laut den Wissenschaftlichen Diensten des Bundestags nicht vor. Es gibt aber einen Anhaltspunkt. Anlagen im Wald nehmen im Schnitt rund 0,5 Hektar dauerhaft in Anspruch. Im Offenland ist es nach Angaben der Bundesregierung eher etwas weniger.
Also noch eine Fermi-Rechnung, diesmal bewusst großzügig:
28.766 Anlagen × 0,5 ha ≈ 14.400 ha
Zum Vergleich:
- Unsere mittlere Schätzung für überwiegend versiegelte bzw. geschotterte Vorgärten: ≈ 7.300 ha
- Windenergie: ≈ 14.400 ha
Damit liegt unsere Schätzung für die Vorgärten tatsächlich in derselben Größenordnung wie die Flächeninanspruchnahme der Windenergie an Land.
Je nachdem, welche Vorgartengröße man annimmt, reichen die 5.000 bis 12.000 Hektar von ungefähr einem Drittel bis zu einem großen Teil der Wind-Schätzung.
Und bevor jetzt jemand „Gotcha!“ schreit: Das ist kein Vergleich von Betonfläche mit Betonfläche.
Bei der Windenergie geht es um Flächeninanspruchnahme, also beispielsweise Flächen für Fundamente, Kranstellflächen und weitere dauerhaft oder zeitweise benötigte Bereiche. Es wäre falsch, daraus abzuleiten, dass diese gesamte Fläche versiegelt ist.
Und Solarparks?
Hier wird der Unterschied noch größer.
Für Ende 2024 werden für Freiflächen-Photovoltaik ungefähr 45.200 Hektar Flächeninanspruchnahme angegeben.
- Unsere mittlere Schottergarten-Schätzung: ≈ 7.300 ha
- PV-Freiflächen: ≈ 45.200 ha
Also grob das Sechsfache.
Auch hier gilt aber: 45.200 Hektar Solarpark sind nicht 45.200 Hektar Beton.
Wie sich ein Solarpark auf Natur und Boden auswirkt, hängt stark von Standort, Gestaltung und Bewirtschaftung ab. Das Bundesamt für Naturschutz weist sowohl auf mögliche Konflikte als auch auf Möglichkeiten zur ökologischen Aufwertung hin.
Also doch: Schottergarten gegen Windrad?
Eigentlich gar nicht.
Das ist für mich nämlich der interessantere Teil der Geschichte.
Mich interessiert an der Rechnung weniger die Frage:
„Sind Schottergärten schlimmer als Windräder?“
Das wäre viel zu simpel.
Mich interessiert:
Was machen wir eigentlich mit der Fläche, die wir haben?
Ein Windrad braucht Fläche und produziert Strom.
Ein Solarpark braucht Fläche und produziert Strom.
Ein Vorgarten braucht Fläche.
Und ein Schottergarten kann – je nach Aufbau – einen Teil der Boden- und Ökosystemfunktionen stark reduzieren.
Das Bundesumweltministerium nennt unter anderem eingeschränkte Bodenfunktionen, fehlende Lebensräume für Tiere und Pflanzen sowie eine stärkere Aufheizung solcher Flächen als Probleme klassischer Schottergärten. Bei abgedichteten Flächen kommt außerdem die fehlende Versickerung von Regenwasser hinzu.
Das heißt natürlich nicht: Grün = automatisch gut.
Und ebenso wenig: Solarpark = automatisch gut.
Auch bei Solarparks kommt es auf den konkreten Standort und die Gestaltung an.
Das eigentlich Verrückte an der Rechnung
Ein einzelner Vorgarten ist winzig.
Sagen wir: 30 Quadratmeter.
Das ist ungefähr die Größe eines kleinen Wohnzimmers plus Flur.
Was sollen diese 30 Quadratmeter schon ausmachen?
Eigentlich nicht viel.
Aber dann multiplizieren wir sie.
30 m² × 2,45 Millionen Grundstücke = 73,5 Millionen Quadratmeter
oder rund 7.350 Hektar.
Und plötzlich ist aus „mein kleiner Vorgarten“ eine ziemlich große Fläche geworden.
Genau deshalb finde ich solche Fermi-Rechnungen spannend.
Nicht weil sie perfekte Statistiken liefern.
Sondern weil sie einem manchmal eine andere Perspektive geben.
Fläche ist nicht gleich Fläche
Und vielleicht ist das mein eigentliches Fazit.
Wir reden bei der Energiewende gerne über Hektar.
Wie viel Fläche braucht Windkraft?
Wie viel Fläche brauchen Solarparks?
Wie viel Fläche geht der Landwirtschaft verloren?
Das sind wichtige Fragen.
Aber dieselbe Logik gilt auch für all die kleinen Flächen, die wir selbst jeden Tag gestalten.
Ein paar Quadratmeter hier.
Ein paar Quadratmeter dort.
Und irgendwann sind es Millionen Quadratmeter.
Fläche ist nicht gleich Fläche.
Die Frage ist nicht nur, wie viel wir davon brauchen.
Sondern auch:
Was machen wir damit?
30 Quadratmeter können Schotter sein.
Oder Blumen.
Oder Gemüse.
Oder ein Ort, an dem Regenwasser versickert und im Sommer nicht jeder Stein die Hitze speichert.
Ich weiß, was mir besser gefällt.
Quellen
- GfK / Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau: Ein grüner Vorgarten ist den Deutschen sehr wichtig – GfK-Studie zu deutschen Vorgärten, Mitteilung des Verbands vom Mai 2017, veröffentlicht bei DEGA GALABAU
- Statistisches Bundesamt: 44,0 Millionen Wohnungen in Deutschland zum Jahresende 2025 – Pressemitteilung Nr. 250 vom 16. Juli 2026
- Fachagentur Wind und Solar: Status des Windenergieausbaus an Land in Deutschland – Jahr 2024
- Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: Flächeninanspruchnahme durch Erneuerbare Energien – WD 5 – 3000 – 039/25 vom 16. Juli 2025
- Bundesamt für Naturschutz: Freiflächen-Solaranlagen (PV-FFA)
- Bundesumweltministerium: Steinwüste Schottergärten



